Wenn wir an einen Wald, eine Weide oder die Berge denken, fragen wir meist zuerst nach den Besitzverhältnissen: Liegt das Land in privater oder öffentlicher Hand? Es gibt jedoch eine ganz andere Form von Eigentum und Nutzung, die weit älter und in vielen Teilen Italiens bis heute lebendig ist.
Sogenannte Allmenden und historische Nutzungsrechte binden Land nicht an einzelne Eigentümer, sondern an eine ganze Gemeinschaft. Wälder und Weiden werden kollektiv genutzt und über Generationen hinweg bewahrt, immer im Einklang mit der Region und ihren Menschen. Im Piemont etwa haben Grundstücke mit solchen Nutzungsrechten einen besonderen Status: Sie gehören der Allgemeinheit und lassen sich nicht wie gewöhnliches Privateigentum verkaufen.
Im Val Grande ist das längst keine reine Rechtsfrage mehr. In der Gemeinde Caprezzo berät man seit Jahren darüber, welche Rolle Gemeinschaftseigentum beim Schutz der Naturressourcen spielen kann und welche Chancen es für eine nachhaltige, gemeinschaftliche Entwicklung bietet.
Dahinter steckt eine hochaktuelle Frage: Was wäre, wenn der wahre Reichtum einer Region nicht darin liegt, was wir ihr entnehmen, sondern in dem, was wir erhalten und für die Zukunft bewahren können?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ein Naturraum liefert weit mehr als nur wirtschaftliche Erträge: Er schafft Artenvielfalt, sauberes Wasser, Wissen, Kultur und soziale Verbundenheit.
- Vom Val Grande bis zu den Kaska-Nationen in Kanada zeigen ganz unterschiedliche Modelle: Naturschutz wirkt am nachhaltigsten, wenn die Menschen vor Ort ihn aktiv mitgestalten.
- Renaturierung bedeutet daher auch, das Miteinander von Ökosystemen, Gemeinden und Institutionen neu zu stärken, damit eine Landschaft langfristig intakt bleibt.
Ein Naturraum ist mehr als nur eine Fläche
Zwischen dem Nationalpark Val Grande und dem Schutzgebiet Sacro Monte di Ghiffa unterstützt die Fondazione Capellino ein Projekt, das zerschnittene Lebensräume wieder miteinander verbindet.
Der geplante Biotopverbund umfasst rund 1.400 Hektar in den Gemeinden Caprezzo, Cambiasca, Vignone und Arizzano. Die Maßnahmen konzentrieren sich auf Magerwiesen, aufgegebene Kulturflächen, Feuchtgebiete für Amphibien, Wasserläufe sowie kleine Trittstein-Biotope zwischen den beiden Schutzgebieten, ebenso wie auf das Management invasiver Arten. Die Grundstücke sind teils öffentlich, teils befinden sie sich im historischen Gemeinschaftseigentum der Bevölkerung.
Das zeigt anschaulich: Der Erhalt der Artenvielfalt dreht sich keineswegs nur um Pflanzen und Tiere. Hinter jeder Landschaft stehen Eigentumsverhältnisse, Regeln, Behörden, Landwirtschaft, Erfahrungsschätze und Menschen, die gemeinsam entscheiden, wie dieser Raum genutzt wird.
Wirksamer Naturschutz lässt sich deshalb nicht isoliert von jenen denken, die das Land verwalten, nutzen und kennen.
Einen Ort zu schützen bedeutet immer auch, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich Menschen dauerhaft um ihn kümmern können.
Wenn die Gemeinschaft Teil des Naturschutzes wird
Tausende Kilometer entfernt, im Norden von British Columbia, tritt genau dasselbe Prinzip noch deutlicher zutage.
Das Stammesgebiet der Kaska, das Dena Kayeh, umfasst einige der unberührtesten Landschaften Nordamerikas. Dazu gehört Dene K’éh Kusān, ein riesiges Areal aus Wäldern, Gebirgen, Flüssen und Lebensräumen für Karibus und Grizzlybären. Die Gemeinschaften der Kaska setzen sich dafür ein, diese Region als von Indigenen geführtes Schutzgebiet (Indigenous Protected and Conserved Area) dauerhaft zu bewahren.
Im Jahr 2026 vollzogen die Naturschutzorganisation Yellowstone to Yukon und Vertreter aller Kaska-Nationen einen entscheidenden Schritt: Sie unterzeichneten eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) für eine gemeinsame Schutzvision des Dena Kayeh und für die Ausweisung von Dene K’éh Kusān als Schutzgebiet.
Es ist die erste Grundsatzpartnerschaft dieser Art zwischen den Kaska und einer Umweltorganisation, laut Yellowstone to Yukon das Ergebnis von jahrzehntelang aufgebautem Vertrauen. Das Fundament bilden eine gemeinsame Verantwortung, geteilte Werte und die Anerkennung der Schlüsselrolle, die indigenen Gemeinschaften bei Entscheidungen über Land und Wasser zukommt.
Es geht nicht darum, die Menschen vor Ort erst im Nachhinein an einem Projekt zu beteiligen, das andernorts längst entschieden wurde. Es geht um die Erkenntnis, dass die tief verwurzelte Bindung einer Gemeinschaft an ihr Land selbst die Voraussetzung dafür ist, es zu bewahren.
Diese Sichtweise verändert auch das Verständnis des Begriffs „Reichtum“.
Ein Wald liefert wertvolles Holz, eine Weide dient der Landwirtschaft, und eine Region bringt Einnahmen durch Tourismus. Doch der eigentliche Reichtum umfasst genauso fruchtbaren Boden, sauberes Wasser, die Artenvielfalt, über Generationen gesammeltes Wissen, sozialen Zusammenhalt und das Weitergeben dieses Erbes an künftige Generationen.
Wer diese Aspekte voneinander trennt, sieht nur einen Bruchteil des tatsächlichen Werts. Bringt man all diese Aspekte zusammen, rücken Entscheidungen, Verantwortung und Folgen wieder genau dorthin, wo sie spürbar werden: direkt in die Region. Einen Wald, eine Weide oder ein Netz aus Biotopen zu erneuern, ist somit weit mehr als reine Schadensbegrenzung.
Es bedeutet, das Beziehungsnetz neu zu knüpfen, das dieses System im Inneren zusammenhält: zwischen Lebensräumen, zwischen Mensch und Natur, zwischen Institutionen und Region sowie zwischen den Menschen selbst.
Das Val Grande und das Dena Kayeh sind grundverschiedene Welten. Und doch stellen sie dieselbe Frage: Wer wird das bewahren, was wir heute schützen wollen?
Schutz kann durch Gesetze oder Projekte entstehen. Damit Schutz dauerhaft wirkt, muss er in der Gemeinschaft lebendig werden, die das Land prägt.
In diesem Sinne heißt Natur zu renaturieren auch, die Fähigkeit einer Gesellschaft wiederherzustellen, ihren gemeinsamen Reichtum zu erkennen, zu bewahren und zu regenerieren.