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Lebensräume flicken bevor es zu spät ist

Geschrieben von Fondazione Capellino | 04.05.2026 09:08:05

Die Fondazione Capellino und der Kampf gegen die isolierende Fragmentierung der Lebensräume unserer Tierwelt

Die Fondazione Capellino entstand aus der Überzeugung heraus, dass durch wirtschaftliche Arbeit erzeugte Gewinne an die Natur zurückgegeben werden müssen, die sie erst ermöglicht hat. Der gleichen Logik folgt auch die Unterstützung der Yellowstone to Yukon Conservation Initiative (Y2Y). Es ist eines der ambitioniertesten ökologischen Vernetzungsprojekte der Welt: Entlang der 3.400 Kilometer langen Rocky Mountains werden fragmentierte Lebensräume wieder zusammengeführt, zugunsten von Grizzlys, Wölfen, Elchen und Karibus. Um zu verstehen, warum ein solches Projekt existiert und warum es so dringlich ist, muss man für einen Moment dem Weg einer Grizzlybärin folgen.

Sie legt jeden Tag Dutzende von Kilometern zurück. Im Sommer braucht sie Wildbeeren und Früchte, im Herbst lachsreiche Flüsse und im Winter dichte Wälder, um ihre Jungen zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Vor allem aber braucht sie Kontakt zu ihren Artgenossen. Nur in einer ausreichend großen Gemeinschaft mit einem vielfältigen Genpool haben ihre Jungen die Chance auf eine gesunde, sichere Zukunft.
Doch heute sind die Gebiete, in denen der Grizzly einst lebte, verbaut, zerstört oder fragmentiert: eine Ansammlung kleiner Inseln, die durch Autobahnen, Eisenbahnschienen, Felder, Massentierhaltung und ganze Städte voneinander getrennt sind. So bleibt die Grizzlybärin auf der „Insel“ isoliert, auf der sie eines Tages aufgewacht ist, unfähig, die benachbarte Population zu erreichen, von der sie nur 80 Kilometer Beton trennen.

 Doch ihr Schicksal steht stellvertretend für unzählige andere.
Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf und stellst fest, dass deine Stadt zweigeteilt ist: Der Supermarkt, in dem du bisher eingekauft hast, liegt auf der anderen Seite; der Weg zur Arbeit ist versperrt; die Schule deiner Kinder ist unerreichbar; die Hälfte deiner Liebsten kannst du nie wieder sehen.
Dieses Phänomen lässt sich mit einem Begriff zusammenfassen: Habitatverlust. Es ist der Preis, den die Tierwelt für das Wachstumsmodell der Menschen zahlt.

Laut dem Weltbiodiversitätsrat IPBES wurden bereits 75% der Landfläche und fast 50% der Ozeane durch menschliche Aktivitäten signifikant verändert.
Die Folge ist ein massiver Rückgang der durchschnittlichen Tierpopulationen: Bären, Frösche, Adler und Bienen gibt es zwar noch, aber es werden immer weniger. Sie sind zunehmend isoliert und damit immer anfälliger.

Ein wissenschaftliches Konzept sollte uns besonders hellhörig machen: die sogenannte Aussterbeschuld (Extinction Debt). Damit wird die Zeitverzögerung zwischen der Zerstörung eines Lebensraums und dem endgültigen Verschwinden der dort lebenden Arten beschrieben.
Anders gesagt: Der Verlust des Lebensraums führt nicht unmittelbar zum Aussterben. Wenn ein Wald zerstört wird, bleiben die dort heimischen Arten oft scheinbar unberührt zurück, nur um dann, zwanzig oder fünfzig Jahre später, plötzlich und ohne offensichtlichen Grund endgültig zu verschwinden.

Am Anfang steht der Verlust des Raumes: Die Tiere finden keinen Platz mehr zum Wandern, keine Nahrung, kein Wasser und letztlich keinen Partner, wodurch der Fortbestand der Art gefährdet ist. In der Folge reißen die Migrationsrouten ab. Für viele Vögel, die ihre Rastplätze in ausgetrockneten Feuchtgebieten verloren haben, wird die Reise unmöglich und damit fällt eine ganze Brutsaison aus. Schließlich setzt ein schleichender Prozess ein: Isolierte Populationen finden nicht mehr zueinander, wodurch der genetische Austausch versiegt. Generation für Generation stammen die Jungtiere von immer enger verwandten Eltern ab, bis der Genpool verarmt und die Widerstandskraft gegen Krankheiten schwindet. Am Ende genügt ein harter Winter, eine Epidemie oder eine einzige Dürreperiode, um eine Wildtierart endgültig auszulöschen.

 

Das Y2Y-Projekt und die Rolle der Fondazione Capellino

 

Das Konzept der Aussterbeschuld (extinction debt) verdeutlicht uns, dass unsere Zeit begrenzt ist. Doch es enthält auch eine hoffnungsvolle Botschaft: Solange eine Art noch existiert, haben wir die Chance zu handeln.

Unsere Grizzlybärin beispielsweise hat diese Chance noch. Die Lösung liegt in der sogenannten ökologischen Konnektivität: Das können Naturstreifen, Unterführungen oder Grünbrücken über Autobahnen sein. Sie ermöglichen es den Tieren, sich wieder sicher durch ihre ehemals zerstückelten Lebensräume zu bewegen, zueinander zu finden und so ihre Bestände zu stabilisieren.
Entlang der Rocky Mountains, vom US-Bundesstaat Wyoming bis hinauf in den kanadischen Yukon, nutzen Grizzlys, Wölfe, Elche und Karibus bereits wieder einen 3.400 Kilometer langen natürlichen Korridor, der sie einst verband. Dahinter steht eines der ambitioniertesten Vernetzungsprojekte der Welt: die Yellowstone to Yukon Conservation Initiative (Y2Y).
Dank dieser Initiative gibt es in der Region heute 204 Wildtierpassagen, wo vor zwanzig Jahren noch keine einzige existierte; zudem wurden die Schutzgebiete um 80% ausgeweitet. Die Distanz zwischen Grizzly-Populationen, die zuvor durch Straßen, Bahntrassen und menschliche Siedlungen isoliert waren, konnte so von 240 auf weniger als 80 Kilometer verringert werden und sie schrumpft weiter.
 All das hat natürlich seinen Preis.
Doch das eigentliche Problem sind nicht die Kosten für den Naturschutz, es sind die Kosten, die entstehen, wenn wir untätig bleiben.

Ohne funktionierende Ökosysteme stünde mehr als 50% des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf dem Spiel. Jede Waldfläche, die für die Landwirtschaft oder Viehzucht gerodet wird, jedes für Bauprojekte trockengelegte Moor, jede durch Autobahnen zerschnittene Landschaft und jede aussterbende Art ist auch ein Teil wirtschaftlicher Grundlage, der wegbricht.

Ein Bericht des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2020 zeigt eine Alternative auf: Eine Wirtschaft, die auf Regeneration statt Ausbeutung setzt, könnte bis 2030 über 10 Billionen Dollar an wirtschaftlichem Mehrwert generieren. Dieser „naturpositive“ Ansatz hat zudem das Potenzial, weltweit 395 Millionen Arbeitsplätze zu sichern.

Es gibt Organisationen und Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell nicht auf Ausbeutung, sondern auf das Prinzip der Rückgabe aufgebaut haben. Genau das ist der Kern der Reintegration Economy, der Vision der Fondazione Capellino und Almo Nature: Hier fließen Gewinne nicht in die Taschen von Aktionären, sondern werden eins zu eins in den Schutz unserer Biosphäre reinvestiert. Das Projekt Y2Y zeigt ganz praktisch, wie das aussehen kann. Es ist der lebendige Beweis dafür, dass Naturschutz keine Last ist, die sich die Wirtschaft mühsam abringt, sondern das Fundament, auf dem eine zukunftsfähige Wirtschaft überhaupt erst steht.



Die Grizzlybärin weiß nichts von alledem. Sie spürt nur, dass es dort, in den weiten Wäldern der Rocky Mountains, jetzt diesen einen Weg gibt: eine Brücke, bewachsen mit Gras und Bäumen, auf der sie sicher die Autobahn überqueren kann. Ganz ohne Furcht. Und auf der anderen Seite, dort wartet bereits ein Gefährte auf sie.